von Rainer Gößmann
Bei aller berechtigten Kritik an Missständen und Fehlentwicklungen in unserer Kirche, ist folgendes zu bedenken: Man darf sich einerseits nicht in die pharisäisch-selbstgerechte Rolle des Richters und in die notorische Fehlersuche versteigen, und anderseits darf man nicht die Augen vor dem Negativen verschließen, nur um seine Ruhe zu haben und nicht Stellung beziehen zu müssen. Beides sind Fehlhaltungen. Die eine ernährt die in uns allen steckende pharisäische Richtermentalität; bedenken wir dabei: Das Richtmaß des Jüngsten Gerichtes ist eines für alle, es ist das Maß, mit dem wir ausgemessen haben.
»Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.« (Mt. 7, 2 )
Die andere Fehlhaltung führt zum Schweigen aus Bequemlichkeit oder Feigheit und lässt uns zu »stummen Hunden« werden, die »nicht bellen können«, von denen der Prophet Jesaja in Bezug auf die Hirten Israels spricht:
»Die Wächter des Volkes sind blind, sie merken allesamt nichts. Es sind lauter stumme Hunde, sie können nicht bellen. Träumend liegen sie da und haben gern ihre Ruhe. Aber gierig sind diese Hunde, sie sind unersättlich. So sind die Hirten: Sie verstehen nicht aufzumerken. Jeder geht seinen eigenen Weg und ist ausschließlich auf seinen eigenen Vorteil bedacht; (er sagt:) Kommt her, ich hole Wein. Wir trinken uns voll mit Bier. Und wie heute, so soll es auch morgen sein; hoch soll es hergehen.« (Jes 56, 10-12)
Wir müssen scharfsichtig bleiben für Missstände und müssen gleichzeitig die Gefahr bannen, uns auf das nur Negative fokussieren und uns davon überwältigen zu lassen. Denn das vergiftet innerlich, erstickt unsere Freude am Glauben, macht bitter und blind für die Schönheit unseres Glaubens und für das, was die Kirche im Tiefsten eigentlich ist: nämlich heilig.
Hilfreich im Umgang mit dem Negativen ist, wenn wir das, was uns an unsere Mitchristen – Amtsträger wie Laien – ärgert und empört, nicht als Bosheit, sondern als Schwäche, ja auch als Armseligkeit zu verstehen versuchen. Diese gütige Deutung erzeugt eher Gefühle des Mitleids und Erbarmens als Empörung und Zorn. Der Osnabrücker Bischof Demann hat einmal sinngemäß formuliert: Gütig denken und deuten reinigt und entgiftet unser Herz von dem unbewussten Antrieb, durch das Richten uns selbst über andere zu erhöhen. Gütig denken und deuten entkleidet uns der Richterrobe und nährt dadurch die Tugend der Barmherzigkeit.
»Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht.« (Jak 2,13)
Auch von Franz von Assisi können wir lernen, mit den Missständen in der Kirche richtig umzugehen:
»Franziskus war nicht blind. Er nahm die enormen Missstände auf allen Ebenen der Kirche in den Blick. Schließlich verstand er seine Sendung ja auch darin, zur Reform der Kirche beizutragen. Er wusste, dass die Priester Konkubinen hatten, die Bischöfe habsüchtig möglichst viel Landbesitz an sich rissen, die Prälaten im Luxus lebten und der Papst machtgierig war. Dennoch wies er seine Brüder an, sooft sie einem Priester begegneten, sollten sie ihm ohne Rücksicht auf seinen Ruf die Hand küssen und falls er zu Pferd sitze, seine Steigbügel. Denn zum einen verwalteten die Priester das Altarsakrament, das Christus leibhaftig den Menschen bringe. Und zum anderen könne jeder vernünftige Mensch diejenigen ehren, die Ehre verdienten, jedoch nur demütige Menschen könnten das tun, was Franziskus von ihnen verlange. "Falls sie (die Priester) die Rettung der Menschen verhindern, ... steht die Rache Gott zu, der sie zu seiner Zeit strafen wird. ... Wenn ihr Söhne des Friedens seid, gewinnt ihr Klerus und Volk, und das wird Gott besser gefallen, als wenn ihr nur das Volk gewinnen und euch vom Klerus entfernen würdet. Verbergt ihre Fehler und macht ihre vielen Mängel gut; und wenn ihr das getan habt, dann seid noch demütiger als vorher." Die Regel förderte also von Anfang bis Ende die Demut. Für Franziskus galt Demut deshalb als höchste Tugend, weil sie mehr als jede andere Tugend die Seele dafür bereitet, Gott zu empfangen und zu preisen.« (M. Galli, Franz von Assisi und seine Welt, Freiburg 2008, S. 99 f. )
Zurück zur Heiligkeit der Kirche: Die katholische Kirche ist phänomenologisch betrachtet, die einzige Institution, die seit der Antike noch existiert. Kardinal Höffner hat einmal gesagt: Die Tatsache, dass die Kirche all ihre Missstände und Irrungen überlebt hat, ist ein Zeichen dafür, dass sie vom Geist Gottes gehalten wird. Ihre Existenz ist in gewisser Weise ein Gottesbeweis. Geistlich gesehen ist die Kirche die Braut Christi und der mystische Leib Christi. Sie ist das einzig sichtbare Zeichen des Ewigen in dieser Welt. Sie ist die einzig wirkliche sichere Arche, in die wir uns retten können. In ihr ist die Fülle der göttlichen Offenbarung an uns Menschen vollständig aufbewahrt und tradiert. In dem von der Kirche verkündeten Wort und gespendeten Sakrament begegnen wir dem auferstanden Christus und damit der Liebe Gottes, nirgendwo anders so reich und so sicher zugesagt.
Die bedeutende Dichterin Gertrud von le Fort hat diese Heiligkeit in ihren berühmten und eindrucksvollen Hymnen an die Kirche aus dem Jahre 1924 gepriesen.
Gertrud von le Fort wurde am 11. Oktober 1876 als Tochter eines Majors in Minden geboren und wuchs in einem preußischen Elternhaus mit protestantisch-strenger Erziehung auf. Nach dem Tod des Vaters (1902) unternahm Le Fort einige Reisen. Entscheidende Bedeutung für ihr weiteres Leben und Werk hatte ein Aufenthalt in Rom 1907. Ab 1908 studierte sie Geschichte, Philosophie und evangelische Theologie in Heidelberg, Marburg und Berlin. Bestärkt durch ihre Rom-Besuche, trat Le Fort 1926 zum Katholizismus über, zu dem sie sich schon in ihrer Kindheit hingezogen fühlte. Ihr Glaube war es, der die Autorin eine ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus einnehmen ließ. Religiöse Fragen stehen im Zentrum ihres literarischen Werks. Dabei werden die Ewige Stadt und die katholische Kirche immer wieder zu Symbolen einer raum-zeitlich enthobenen höheren Ordnung (Hymnen an die Kirche, 1924), die den zerstörerischen Mächten der Realität zu trotzen weiß. Sie war eine der bedeutendsten katholischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts und stand unter anderem mit Paul Claudel, Hermann Hesse, Reinhold Schneider und Carl Zuckmayer in Verbindung. Le Fort starb am 1. November 1971 in Oberstdorf.
Die folgenden Hymne warnt davor, unsere Hoffnungen letztlich auf die Menschen und die Welt zu setzen.
Heimweg zur Kirche
(aus: Gertrud von le Fort, Hymnen an die Kirche, München 61961, S. 21; S. 25; S. 26)
Wer rettet meine Seele vor den Worten der Menschen?
Sie tönen aus der Ferne wie Posaunen,
aber wenn sie nahe kommen, tragen sie nur Schellen.
Sie drängen sich hervor mit Fahnen und Wimpeln,
aber wenn der Wind aufsteht, zerflattert ihr Gepränge.
Höret, ihr Lauten und Vermeßnen,
ihr Wetterflücht’gen des Geistes und ihr Kinder eurer Willkür:
Wir sind verdurstet an euren Quellen,
wir sind verhungert an euren Speisen,
wir sind blind geworden bei euren Lampen!
Ihr seid wie eine Straße, die nie ankommt,
ihr seid wie lauter kleine Schritte um euch selber!
Ihr seid wie ein treibendes Gewässer,
immer ist in eurem Munde euer eigenes Rauschen!
Ihr seid heute eurer Wahrheit Wiege,
und morgen seid ihr auch ihr Grab!
Wehe euch, die ihr uns mit Händen greifet:
eine Seele kann man nur mit Gott fangen!
Wehe euch, die ihr uns mit Bechern tränket:
einer Seele soll man die Ewigkeit geben!
Wehe, die ihr euer eitles Herz lehrt!
Ein Priester am Altar hat kein Antlitz,
und die Arme, die den Herrn erheben, sind ohne Schmuck noch Staub.
Denn wen Gott reden heißt, den heißt er schweigen,
und wen sein Geist entzündet, der erlischt.
Die beiden folgenden Hymnen preisen die Heiligkeit der Kirche.
Heiligkeit der Kirche
Du hast einen Mantel aus Purpurfäden,
die sind nicht auf der Erde gesponnen.
Deine Stirn ist mit einem Schleier geschmückt,
den haben dir unsre Engel geweint:
Denn du trägst Liebe um die, die dir gram sind,
du trägst große Liebe um die, welche dich hassen.
Deine Ruhe ist immer auf Dornen,
weil du ihrer Seelen gedenkst.
Du hast tausend Wunden, daraus strömt dein Erbarmen,
du segnest alle deine Feinde.
Du segnest noch, die es nicht mehr wissen.
Die Barmherzigkeit der Welt ist deine entlaufene Tochter,
und alles Recht der Menschen hat von dir empfangen.
Alle Weisheit der Menschen hat von dir gelernt.
Du bist die verborgene Schrift unter all ihren Zeichen.
Du bist der verborgene Strom in der Tiefe ihrer Wasser.
Du bist die heimliche Kraft ihres Dauerns.
Die Irrenden gehen nicht unter, weil du noch den Weg weißt,
und die Sünder werden verschont, weil du noch betest.
Dein Gericht ist die letzte Gnade über den Verstockten.
Wenn du einen Tag verstummtest, so würden sie auslöschen,
und wenn du eine Nacht schliefest, so wären sie dahin!
Denn um deinetwillen lassen die Himmel den Erdball nicht fallen:
alle, die dich lästern, leben nur von dir!
Heiligkeit der Kirche
Deine Diener tragen Gewänder, die nicht alt werden,
und deine Sprache ist wie das Erz deiner Glocken.
Deine Gebete sind wie tausendjährige Eichen,
und deine Psalmen haben den Atem der Meere.
Deine Lehre ist wie eine Feste auf uneinnehmbaren Bergen.
Wenn du Gelübde abnimmst, so hallen sie bis ans Ende der Zeiten,
und wenn du segnest, baust du Häuser im Himmel.
Deine Weihen sind wie große Zeichen von Feuer auf den Stirnen,
niemand kann sie auslöschen.
Denn das Maß deiner Treue ist nicht Menschentreue,
und deine Jahre kennen keinen Herbst.
Du bist wie eine beständige Flamme über wirbelnder Asche!
Du bist wie ein Turm inmitten reißender Wasser!
Darum schweigst du so tief, wenn die Tage lärmen,
denn am Abend fallen sie dennoch an dein Erbarmen:
Du bist’s, die über allen Grüften betet!
Wo heute ein Garten blüht, da ist morgen Wildnis,
und wo früh ein Volk wohnt, da haust über Nacht das Verderben.
Du bist das einzige Zeichen des Ew’gen über dieser Erde:
alles, was du nicht verwandelst, überwandelt der Tod!
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Über die „unheilige Heiligkeit“ der Kirche
von Rainer Gößmann
Angesichts des vielfältigen Schmutzes, auf den wir leider in unserer Kirche immer wieder stoßen – gerade in den letzten Monaten und Wochen – stellt sich die Frage, ob die Kirche wirklich als eine »heilige« bezeichnet werden kann und darf, wie es in der Formel von der »heiligen, katholischen Kirche« im Apostolischen Glaubensbekenntnis getan wird.
Joseph Ratzinger schreibt dazu: „Wir sind doch, wenn wir uns nichts verheimlichen, versucht zu sagen, die Kirche sei weder heilig noch katholisch: Das Zweite Vatikanische Konzil selbst hat sich dazu durchgerungen, nicht mehr bloß von der heiligen, sondern von der sündigen Kirche zu sprechen; wenn man ihm dabei etwas vorwarf, so höchstens dies, dass es noch viel zu zaghaft darin geblieben sei, so stark steht der Eindruck von der Sündigkeit der Kirche in unser aller Bewusstsein.“ (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis, München 52005, S. 321)
„Die Jahrhunderte der Kirchengeschichte sind so erfüllt von allem menschlichen Versagen, dass wir Dantes grauenvolle Vision verstehen können, der im Wagen der Kirche die Babylonische Hure sitzen sah, und dass uns die furchtbaren Worte des Pariser Bischofs Wilhelm von Auvergne (aus dem 13. Jahrhundert) begreiflich scheinen, der meinte, ob der Verwilderung der Kirche müsse jeder, der es sieht, vor Schrecken erstarren. »Braut ist das nicht mehr, sondern ein Untier von furchtbarer Ungestalt und Wildheit ... «.“ (Ebenda, S. 321 f.)
Diese Bewertung der Kirche kommt aus der Bitterkeit des Herzens, das sich in seiner hohen Erwartung an die Kirche enttäuscht sieht und nun in einer gekränkten und verletzten Liebe nur noch die Zerstörung seiner Hoffnung empfindet. Wie kann man da antworten?
Joseph Ratzinger schreibt dazu: „Das Wort »heilig« ist [...] in allen diesen Aussagen zunächst nicht als Heiligkeit menschlicher Personen gemeint, sondern verweist auf die göttliche Gabe, die Heiligkeit schenkt inmitten der menschlichen Unheiligkeit. »Heilig« wird die Kirche im Symbolum nicht deshalb genannt, weil ihre Glieder samt und sonders heilige, sündenlose Menschen wären - dieser Traum, der in allen Jahrhunderten von neuem auftaucht, hat in der wachen Welt unseres Textes keinen Platz, so bewegend er eine Sehnsucht des Menschen ausdrückt, die ihn nicht verlassen kann, bis nicht wirklich ein neuer Himmel und eine neue Erde ihm schenken, was ihm diese Zeit niemals geben wird. Schon hier werden wir sagen können, dass die härtesten Kritiker der Kirche in unserer Zeit verborgenerweise ebenfalls von jenem Traum leben und, da sie ihn enttäuscht finden, die Türe des Hauses krachend ins Schloss schlagen und es als lügnerisch denunzieren. Aber kehren wir zurück: Die Heiligkeit der Kirche besteht in jener Macht der Heiligung, die Gott in ihr trotz der menschlichen Sündigkeit ausübt. Wir stoßen hier auf das eigentliche Kennzeichen des »Neuen Bundes«: In Christus hat sich Gott selbst an die Menschen gebunden, sich binden lassen durch sie. Der Neue Bund beruht nicht mehr auf der gegenseitigen Einhaltung der Abmachung, [ wie es im Altes Bund der Fall war ], sondern er ist von Gott geschenkt als Gnade, die auch gegen die Treulosigkeit des Menschen bestehen bleibt. Er ist der Ausdruck der Liebe Gottes, die sich durch die Unfähigkeit des Menschen nicht besiegen lässt, sondern ihm dennoch und immer wieder von neuem gut ist, die ihn gerade als den sündigen immer wieder annimmt, sich ihm zuwendet, ihn heiligt und ihn liebt. Aufgrund der nicht mehr zurückgenommenen Hingabe des Herrn ist die Kirche immerfort die von ihm geheiligte, in der die Heiligkeit des Herrn anwesend wird unter den Menschen. Aber es ist wahrhaft Heiligkeit des Herrn, die da anwesend wird und die sich zum Gefäß ihrer Anwesenheit immer wieder auch und gerade in paradoxer Liebe die schmutzigen Hände der Menschen wählt. Es ist Heiligkeit, die als Heiligkeit Christi aufstrahlt inmitten der Sünde der Kirche. So ist die paradoxe Gestalt der Kirche, in der sich das Göttliche so oft in unwürdigen Händen präsentiert, in der das Göttliche immer nur in der Form des Dennoch anwesend ist, den Gläubigen ein Zeichen für das Dennoch der je größeren Liebe Gottes. Das erregende Ineinander von Treue Gottes und Untreue der Menschen, welches die Struktur der Kirche kennzeichnet, ist gleichsam die dramatische Gestalt der Gnade, durch die die Realität der Gnade als Begnadigung der an sich Unwürdigen fortwährend in der Geschichte anschaulich gegenwärtig wird. Man könnte von da aus geradezu sagen, eben in ihrer paradoxalen Struktur aus Heiligkeit und Unheiligkeit sei die Kirche die Gestalt der Gnade in dieser Welt.“ (Ebenda, S. 322 -324)
Die Heiligkeit Christi „äußerte sich gerade als Vermischung mit den Sündern, die Jesus in seine Nähe zog; als Vermischung bis dahin, dass er selbst »zur Sünde« gemacht wurde, den Fluch des Gesetzes in der Hinrichtung trug - vollendete Schicksalsgemeinschaft mit den Verlorenen (vgl. 2 Kor 5,21; GaI3,13). Er hat die Sünde an sich gezogen, zu seinem Anteil gemacht und so offenbart, was wahre »Heiligkeit« ist: nicht Absonderung, sondern Vereinigung, nicht Urteil, sondern erlösende Liebe. Ist nicht die Kirche einfach das Fortgehen dieses Sich-Einlassens Gottes in die menschliche Erbärmlichkeit; ist sie nicht einfach das Fortgehen der Tischgemeinschaft Jesu mit den Sündern, seiner Vermischung mit der Not der Sünde, sodass er geradezu in ihr unterzugehen scheint? Offenbart sich nicht in der unheiligen Heiligkeit der Kirche gegenüber der menschlichen Erwartung des Reinen die wahre Heiligkeit Gottes, die Liebe ist, Liebe, die sich nicht in der adeligen Distanz des unberührbar Reinen hält, sondern sich mit dem Schmutz der Welt vermischt, um ihn so zu überwinden? Kann von da aus die Heiligkeit der Kirche etwas anderes sein als das Einander-Tragen, das freilich für alle davon kommt, dass alle von Christus getragen werden?
Ich gestehe es – [so schreibt Ratzinger weiter] : Für mich hat gerade die unheilige Heiligkeit der Kirche etwas unendlich Tröstendes an sich. Denn müsste man nicht verzagen vor einer Heiligkeit, die makellos wäre und die nur richtend und verbrennend auf uns wirken könnte? Und wer dürfte von sich behaupten, dass er es nicht nötig hätte, von den anderen ertragen, ja getragen zu werden? Wie aber kann jemand, der vom Ertragenwerden seitens der anderen lebt, selbst das Ertagen [der anderen] aufkündigen? Ist das nicht die einzige Gegengabe, die er anbieten kann; der einzige Trost, der ihm bleibt, dass er erträgt, so wie auch er ertragen wird?“ (Ebenda, S. 324 f.)
„Das will nicht sagen, dass man immer alles beim Alten lassen und es so ertragen muss, wie es nun einmal ist. Das Ertragen kann auch ein höchst aktiver Vorgang sein, ein Ringen darum, dass die Kirche immer mehr selbst die tragende und ertragende werde. Die Kirche lebt ja nicht anders als in uns, sie lebt vom Kampf der Unheiligen um die Heiligkeit, so wie freilich dieser Kampf von der Gabe Gottes lebt, ohne die er nicht sein könnte. Aber fruchtbar, aufbauend wird solches Ringen nur, wenn es vom Geist des Ertragens beseelt ist, von der wirklichen Liebe. Und hier sind wir zugleich bei dem Kriterium angelangt, an dem sich jenes kritische Ringen um die bessere Heiligkeit jederzeit messen lassen muss, das dem Ertragen nicht nur nicht widerspricht, sondern von ihm gefordert wird. Dieser Maßstab ist das Aufbauen. Eine Bitterkeit, die nur destruiert, richtet sich selbst. Eine zugeschlagene Tür kann zwar zum Zeichen werden, das die aufrüttelt, die drinnen sind. Aber die Illusion, als ob man in der Isolierung mehr aufbauen könnte als im Miteinander, ist eben eine Illusion genau wie die Vorstellung einer Kirche der »Heiligen« anstatt einer »heiligen Kirche«, die heilig ist, weil der Herr in ihr die Gabe der Heiligkeit schenkt ohne Verdienst.“ (Ebenda , S. 326 f.)